Vor drei Jahren wurde “Adam’s Passion” in Tallin uraufgeführt. Von einem Gipfeltreffen der Genies ist die Rede, denn das gefeierte Musiktheaterstück ist ein Gemeinschaftswerk von Arvo Pärt und Robert Wilson. Jetzt ist “Adam’s Passion” im Berliner Konzerthaus zu sehen.

Zumindest um die Auftragslage von Robert Wilson braucht man sich offenbar keine Sorgen zu machen. Kurz nach dem Abgang von Claus Peymann, seinem jahrzehntelangen Arbeitgeber am BE, präsentiert Wilson bereits die zweite Arbeit in Berlin (im Boulez-Saal, mit dem Rundfunkchor, war er ja auch schon). “Adam’s Passion” ist nicht neu, sondern bildete vor drei Jahren eine Arvo Pärt-Hommage in Tallinn; wohin der Komponist, früher in Berlin beheimatet, zurückgekehrt ist.

Keine Aufschneiderei

Kennengelernt haben sich die beiden beim Papst. Arvo Pärt – ein Neutonaler, für den alles Sakralmusik zu sein scheint – zeichnet sich ja vor allem durch ein ‘panharmonisches’ Weltbild aus. Seine Musik muss tonal klingen, weil das Universum so herrlich schwingt. Robert Wilson hingegen, wenn man sich den Ton bei seinen Theaterarbeiten jemals wegdachte, erscheint gleichfalls als verhaltener Hymniker des Weltalls. Man lernt: Die Beschreibungen für die beiden sind beinahe austauschbar.

In “Adam’s Passion”, einem 85-Minüter, ranken sich drei Werke um das Chorstück “Adam’s Lament” (auf den Text eines russischen Mystikers). Darunter zwei bekannte Kompositionen Pärts: “Tabula rasa” (1977 für Gidon Kremer) und “Miserere” (1989/92 fürs Hilliard Ensemble). Hinzu kommt eine Robert Wilson gewidmete ‘Ouvertüre’ (“Sequentia”). Bei gewohnt ‘armer Melodik’ und ‘armer Harmonik’ wölkt das ohne Aufschneiderei vor sich hin – von Tõnu Kaljuste mit dem Konzerthausorchester zart gestreichelt und gestrichen.

"Adam's Passion"; © Kristian Kruuser / Kaupo Kikkas
Bild: Kristian Kruuser / Kaupo Kikkas

Alles rührend

Ins Konzerthaus hat man für diese Aufführung eigens einen schwarzen Guckkasten eingebaut. Das evoziert unversehens die Proportionen des alten Schauspielhauses – man wähnt sich in Gründgens’ Zeiten. Von Neonröhren gesäumt, ragt ein Steg ins Parkett hinein. Vor üblicher, lichtblauer Leinwand schreitet Adam im Adamskostüm feierlich zur Rampe, hebt einen Ölzweig auf. Ein Knäblein balanciert einen Ziegel auf dem Kopf, ein Haus schwebt. Eine Leiter lehnt am Nichts. Und die gute, inzwischen ein bisschen in die Jahre gekommene Lucinda Childs, tanzend, sieht aus wie Elke Sommer in der Hauptrolle von “Sunset Boulevard” – ready for her closeup.

Man denkt, hier entlarven einander zwei Altmeister wechselseitig als Kunstgewerbe. Das stimmt auch. Dem wohnt allerdings die ruhige Bescheidenheit eines Denkmals inne. Die Legende glimmt noch. In einer begleitenden Ausstellung im Foyer lernt man, wie Arvo Pärt mit Haaren aussah. Alles rührend.

 

https://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2018/03/Konzerthaus-Berlin-Adams-Passion.html